Dass einige Verkäufer auf Amazon immer wieder mit gefälschten Bewertungen versuchen, höhere Rankings für ihre Produkte zu erreichen, um die Abverkaufszahlen zu steigern, dürfte bekannt sein. Eine neue, bisher unbekannte Masche, hebt die Fake-Reviews jetzt aber auf ein neues Level: Seit Monaten erhält ein Paar aus Massachusetts in den USA Pakete, die sie nie selber bestellt haben. Die meist billigen Artikel werden mit Gutscheinkarten bezahlt, der unbekannte Versender kann so seine offenbar eigenen Produkte positiv bewerten. OMR erklärt die dreiste Vorgehensweise.

Um den weltweit größten Marktplatz Amazon ist in den vergangenen Jahren eine regelrechte Goldrausch-Stimmung entstanden. Zig Tausende Marketplace-Verkäufer suchen ihr schnelles Glück auf der Plattform und greifen dabei unter anderem auf Dropshipping zurück, so dass sie die Produkte selber nicht zu Gesicht bekommen. Um in der Masse von Anbietern nicht unterzugehen und erfolgreich zu sein, spielt Review-Marketing eine extrem wichtig Rolle. Ein kurioses Beispiel zeigt, welch seltsame Blüten diese Relevanz mitunter treibt.

Das erste Paket, das sie selber nie bestellt haben, erreicht Mike und Kelly Gallivan aus Acton, Massachusetts, schon im Oktober vergangenen Jahres. Bis heute sind noch 24 weitere dazugekommen, wie das Paar dem Boston Globe verrät. Alle Sendungen enthalten absolute Niedrigpreisprodukte, die qualitativ nicht gerade hochwertig sind: USB-Ventilatoren, Handwärmer, Handyhüllen, Lichterketten oder ein Ringlicht-Aufsatz für Handys, um Selfies besser ausleuchten zu können.

Mysteriöse Pakete: Nie bestellt, keine Rechnung

Alle der nie bestellten Pakete mit den Produkten, die sonst vor allem auf Grabbeltischen oder in Ein-Euro-Shops zu finden sein dürften, haben noch etwas gemeinsam: Keines enthält eine Rechnung – und da alle Geschenke mit Gutscheinkarten bezahlt werden, lässt sich auch kein Absender, geschweige denn ein konkreter Name nachvollziehen.

Diese Information erhalten die Gullivans dann auch, als sie Amazon kontaktieren. Denn obwohl sie definitiv nichts für die Produkte zahlen und die Überraschungs-Pakete anfangs auch noch recht amüsant finden, wundern sie sich bald, warum gerade sie immer wieder die Ramschware zugeschickt bekommen.

Ex-Amazon-Mitarbeiter erklärt die Masche

Chris McCabe, selber über fünf Jahre bei Amazon und inzwischen als Consultant unterwegs, sowie der Amazon-Experte James Thomson erklären gegenüber dem Boston Globe die Masche, die hinter den mysteriösen Paketen zu stecken scheint. Demnach erstellen Händler, die besagte Billig-Produkte verkaufen, neue Mail-Adressen und Amazon-Accounts und kaufen ihre eigene Ware per Gutscheinkarten. Diese schicken sie dann offenbar zufällig ausgewählten Absendern wie den Gallivans zu, deren Adresse bei den frisch erstellten Accounts hinterlegt ist. Sobald ein Paket zugestellt ist, kann der Händler als verifizierter Käufer sein eigenes Produkt bewerten – und hofft dadurch auf ein höheres Ranking, mehr Sichtbarkeit und steigende Verkäufe.[contentad keyword=“adsensegs1″ align=“left“]

Die eigentlichen Empfänger der Ware, in diesem Fall Mike und Kelly Gallivan, haben keine Chance, die Produkte zu bewerten – weil sie nicht die von Amazon verifizierten Käufer sind. Aber auch die Kommunikation mit dem E-Commerce-Riesen zum Fall „Mysteriöse Pakete“ scheint sich schwierig zu gestalten. Außer der Bestätigung, dass alle Produkte tatsächlich mit Gutscheinkarten bezahlt werden und man der Sache auf den Grund gehen werde, hat sich nichts geändert. Weiterhin kommen alle paar Tage und Wochen Pakete beim Haus der Gallivans an.

Einzelfall oder gängige Masche?

Ob Amazon den Account des für die Überraschungs-Pakete verantwortlichen Händlers bereits gesperrt hat, lässt sich kaum nachvollziehen. Aber selbst wenn: Es dürfte dem Händler nicht schwer fallen, einen neuen Account zu erstellen und mit derselben Masche erneut für positive Bewertungen zu sorgen.

Derweil stellt sich die Frage, ob es sich bei der Geschichte der Gallivans um einen Einzelfall handelt, oder ob schon mehrere bauernschlaue Seller diese Strategie für sich entdeckt haben. Einigen Kommentaren unter dem Boston Globe-Artikel zufolge scheinen andere Händler zumindest auf ähnliche Art und Weise bereits versucht zu haben, positive Bewertungen zu sammeln. So schreibt der Nutzer „Knock“ von einem Händler aus China, der den Kunden nach einer regulären Bestellung unaufgefordert vier weitere Produkte schickt – gratis natürlich. Und „quinny29“ berichtet, ganz ähnliche Erfahrungen wie Mike und Kelly gemacht zu haben.

Dass dreiste Marketer immer wieder mit neuen Mitteln versuchen, Rankings zu manipulieren oder sogar in die Bestsellerlisten für bestimmte Kategorien zu gelangen, ist für Amazon nichts Neues. Im vergangenen Jahr schaffte es beispielsweise ein Verkäufer, einen Schlapphut sowie ein kitschiges Gemälde in Top-Listen zu platzieren. Und vor wenigen Monaten gelang es einem deutschen Unternehmer, mit Hilfe eines Bots tausende automatisch erstellte Handyhüllen auf der Plattform zu platzieren. Beide „Hacks“ wurden seitens Amazon recht schnell ausgehebelt – die Zeit der Geschenke dürfte auch für die Gallivans bald vorbei sein.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Online Marketing Rockstars.

Bild: Getty Images / Henrik Weis